Recovery

Körperakzeptanz beginnt mit der Trauer um das dünne Ideal.

  • 10. Mai 2018

Wir sprechen nicht gerne darüber, aber wenn wir die Essstörung loslassen, beginnt auch die Trauer um ein bestimmtes Ideal, welches wir all’ die Jahre angestrebt und vielleicht auch (kurzfristig) erreicht haben. Es ist etwas, was wir aufgeben müssen, um wirklich Frieden mit dem Essen und unserem Körper zu schließen.

Dazu gehört auch die Vorstellung, dass wir unser Gewicht und unser Erscheinungsbild permanent durch Nahrungszufuhr und Bewegung steuern und kontrollieren können. Zu viel Zeit und Energie ging dabei verloren, aber für welchen Preis…? Entweder war dieser “Erfolg” nur kurzfristig, oder stets mit Leid und Elend verbunden.

Um wirklich zu heilen, muss die Vision unseres perfekten Selbst verabschiedet werden.

Leichter gesagt als getan, denn die meisten von uns halten seit Jahrzehnten an dem dünnen Ideal fest und glauben immer noch daran, dass es die eine bestimmte Diät oder Ernährungsweise gibt, die sie vollkommen werden lassen. Deshalb kann dieser Trennungsprozess sehr starke Emotionen auslösen, weil wir erkennen, dass wir uns selbst jahrelang belogen und betrogen haben.

Meine bisherigen Lebenserfahrungen bestätigen, dass ich nicht langfristig ein geringes Gewicht halten kann UND vor allem, dass mich dieser Zustand auch nicht glücklich macht. Es war aber auch sehr traurig, denn ich war immer davon überzeugt, dass, wenn ich nur dünn werden und bleiben könnte, das Leben viel, viel einfacher für mich wäre.

Ich durchlief verschiedene Phasen von Emotionen, auf die ich im Einzelnen gerne eingehen möchte:

Skepsis

Alles, was ich bisher über Ernährung und Gesundheit gelernt und praktiziert habe, sollte ich nun einfach über den Jordan werfen und mich auf meine Intuition verlassen? Dies schien mir anfangs nicht nur unmöglich, sondern machte mich auch skeptisch.

Die Ernährungswissenschaft war mein vertrautes Gebiet. Ich konnte keine Grenze mehr zwischen Wissenschaft und Grundbedürfnis ziehen(!)
Ich kannte wohl die Freude über eine Gewichtsabnahme, vergaß dabei aber das Elend und den Schmerz, der damit verbunden war. Die Enttäuschung über eine Zunahme oder das Unwohlsein nach einem Essanfall. Die Verzweiflung und Kraftlosigkeit während des Hungerns und die tägliche Kalorienrechnerei… Gab es wirklich Grund zur Skepsis?  

Ich musste mir darüber bewusst werden, dass es In Wirklichkeit keine „100%ige Gesundheit“ gibt. Trotzdem halten wir oft an diesen Idealen fest und lassen uns von dem Schwarz-Weiß-Denken in unserer Kultur beeinflussen.

Gesundheit bezieht sich auf ganzheitliche Bereiche, wie körperliche Gesundheit, emotionale Gesundheit und darüber hinaus immer mehr Teilbereiche.

es ist nicht etwas, was wir „tun“ oder „nicht tun“.
es ist nicht etwas, das wir „haben“ oder „nicht haben“.
und es ist sicher nicht etwas, bei dem wir „scheitern“ oder „Erfolg haben“ können.  

Gesundheit ist abhängig von unserem Umfeld und unseren persönlichen Umständen.
Es ist normal, skeptisch zu sein und immer wieder mit den süßen Versprechungen der Diätindustrie zu liebäugeln. Je mehr du aber über die Lügen erfährst und je öfter du dir die negativen Aspekte ins Gedächtnis rufst, desto eher wirst du deine Skepsis loslassen. Diäten funktionieren nicht.

Ratschläge für diese Phase

Denke daran, dass es normal ist, immer wieder zurück zu fallen und bestimmten Regeln und Glaubenssätzen zu folgen. In unserem familiären Umfeld, dem Arbeitsplatz oder bei Freunden sind die Themen rund um Ernährung und Gesundheit meist öfter präsent, als uns bewusst ist. In solchen Situationen kannst du lernen, dich abzugrenzen, indem du dich immer wieder daran erinnerst, auf welche Art und Weise dir das Diätverhalten bisher geschadet hat.

Wut

Wir wurden manipuliert, uns wurde mehr Lebensfreude und ein verbessertes Körpergefühl versprochen. Oft hatte ich Wut auf mich selbst, weil ich den Glaubenssätzen anderer zum Opfer gefallen bin.
Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass du nicht schuldig bist. Denn, was sich letztendlich manifestierte, war die Botschaft: “Wenn du keinen schlanken Körper hast, bist du nicht würdig genug!” Im Laufe der Jahre wurde dieser Glaubenssatz immer weiter verstärkt und führte zu einem obsessiven, krankhaften Verhalten – bei Millionen von Menschen.

Ich wiederhole, weil es so wichtig ist: Nichts davon ist deine Schuld.

Ich habe das Recht wütend zu sein und mich zu ärgern. Über leere Versprechungen, und die Lügen über die gesundheitlichen Vorteile, die uns durch eine Gewichtsabnahme entstehen würden. Darüber, dass wir von klein auf manipuliert werden und glauben, dass wir der Liebe anderenfalls nicht würdig sind.

Dass ein patriarchalisches System Standards für Frauen auf einem Niveau setzt, das zu Selbstverletzungen führt.

Ratschläge für diese Phase

Lasse jegliche Wut und Frustration heraus und bringe sie auf produktive Weise zum Ausdruck. Ich mache das gerne schriftlich in Form meiner Blogartikel:) Vielleicht magst du aber lieber etwas anderes tun, z.B. Zeichnen.

Nutze deine Wut, um dich selbst zu motivieren und werde AKTIV. Starte einen Instagram-Account und verbreite etwas #Bodypositivity auf den Social Media Kanälen.

Denke daran, dass du nicht Schuld bist. Werde wütend auf die Gesellschaft, nicht auf dich selbst. Klebe einen Post-It an den Badezimmerspiegel, um dich täglich daran zu erinnern!

Ambivalenz

Immer wieder fand ich Gründe, warum ich lieber wieder abnehmen und Regeln befolgen sollte. Meine Gedanken gingen in etwa in die folgende Richtung:

„Ich verstehe, dass ich nicht mehr Diät halten sollte, aber was ist mit meiner Gesundheit?“

„…Aber ich fühle mich besser, wenn ich leichter bin.“

„…Aber ich mag es einfach, wie meine Kleidung passt, wenn ich Größe XY habe.“

„…Ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn ich dicker bin.“

Ratschläge für diese Phase

Lerne immer mehr dazu. In meinen Buchempfehlungen findest du hilfreiche Lektüre, die sich sowohl mit den emotionalen als auch gesundheitlichen Aspekten auseinandersetzen.

Konzentriere dich auf die Möglichkeiten, wie du dich anderweitig in deinem Körper wohlfühlen kannst, z.B. durch Bewegung, intuitives Essen und andere Selbstfürsorge.

Führe ein Coaching/eine Beratung oder eine Therapie durch, um herauszufinden, warum du dich mit einem geringeren Gewicht „besser fühlst“ und wie du die Scham- und Schuldgefühle beseitigen kannst.

Finde positive Vorbilder und lasse dich inspirieren. Vermeide den Kontakt zu oberflächlichen Menschen, die dein Erscheinungsbild oder deine Verhaltensweisen kommentieren und kritisieren.

Akzeptanz

Akzeptanz beginnt da, wo wir uns mit der Vorstellung abgefunden haben, dass wir das dünne Ideal nicht erreichen werden, dass Diäten nicht funktionieren, und die Tatsache, dass wir viel Zeit damit verbracht haben, um dieses Ziel zu erreichen.

Ratschläge für diese Phase…

Genieße es, all die Dinge zu erforschen, die dein Körper für dich tun kann. Neue Tätigkeiten, Ereignisse, Menschen, Sportarten und Reisen warten auf dich! Dieser Prozess ist schön und mit Freude verbunden. Werde freier, kreativer und glücklicher.
Keine Gewichtsabnahme kann dir wirklich das Gefühl der Zugehörigkeit und Bestätigung geben, nach der du eigentlich suchst – Ein Verlust an Gewicht bedeutet im Extremfall ein Verlust von wichtigen Lebensabschnitten und kostbaren Zeiten, in denen du dich zu sehr mit den obsessiven Gedanken über Nahrung und Gewicht aufhältst.

Was dich wirklich daran hindert, glücklich zu sein, ist dein innerer Glaube perfekt und schlank sein zu müssen, um es wert zu sein.
Die Wahrheit aber ist, dass du genug bist, genau wie du bist!

Teile deine Erkundungsreise; es gibt andere, die davon profitieren können, deine Geschichte und Botschaft zu hören. Diese Reise ist nicht einfach. Trauer ist ein natürlicher und normaler Teil des Prozesses. Sei geduldig, während du die verschiedenen Phasen durchläufst und nehme die unterschiedlichen Emotionen in dir wahr. Auf dich wartet Frieden und Selbstwert, Vertrauen und Gelassenheit:)

Noch mehr Hilfe?

Sende mir einfach eine Nachricht über das Kontaktformular, oder besuche meinen Onlinekurs “deine Kampfansage” !
Mein kostenloser Ratgeber steht dir jederzeit als Download zur Verfügung.
Gemeinsam machen wir dich stark!

Bis bald,

deine Dani von Recoverybuddy

5 Comments on Körperakzeptanz beginnt mit der Trauer um das dünne Ideal.

  • Katrin says:
    10. Mai 2018 at 22:20

    Danke! Was für ein toller Artikel!!! Wirklich, ich merke zur Zeit immer mehr, wie wichtig es für mich ist, dass ich den Wunsch, ein bestimmtes Gewicht, eine bestimmte Figur und ein bestimmtes Schönheitsideal für mich „beerdigen“ muss, wenn ich frei von meiner Essstörung werden will. Es ist hart und es tut weh, und es fällt mir immer noch schwer, nicht wütend auf meinen Körper zu sein, dass er einfach offenbar nicht schlank sein möchte… aber ich versuche wirklich, meinen Körper besser anzunehmen und wert zu schätzwn für das, was ich mit ihm tun kann, wenn ich schon nicht so besonders glucklich bin darüber, wie er aussieht.

    Antworten

  • waidlerbua says:
    11. Mai 2018 at 17:49

    Mit diesem Beitrag hast du mal wieder den Nagel voll auf den Kopf getroffen und sprichst vielen Eßgestörten aus der Seele. Viele von uns wissen das ja auch /schließlich ist es meistens eine „Kopfsache“/, nur leider mit der Umsetzung nicht immer so einfach.

    Antworten

  • waidlerbua says:
    11. Mai 2018 at 18:01

    –> katrin : versuche deinen Körper so zu nehmen und zu akzeptieren wie er ist. Ein einigermaßen „normales“ Körperbild & Eigenakzeptanz sind einfach essentiell. Das ist nicht immer einfach, aber lernbar. Sorge dich nicht zu viel um Idealgewicht und Aussehen. Sei öfter ddankbar, dass du diesen Tag erleben darfst und genieße den Moment.

    Antworten

  • Annalena says:
    18. Mai 2018 at 23:52

    Hey,

    Ich lese deinen Blog total gerne – ich finde ihn unheimlich motivierend.

    Mich würde interessieren, ob du glaubst; dass man durch die Esstörung zusätzliche Falten bekommen kann. Ich war ca 12 Jahre lang extrem magersüchtig und habe jetzt mit ca 30 Jahren das Gefühl wahnsinnig viele Falten zu haben – viel; viel mehr als gleichaltrige oder auch der Rest meiner Familie (an den Genen kann es also nicht liegen)

    Es sind unzählige Knitterfalten, vor allem um die Augen herum und irgendwie finde ich, dass ich auch vom ganzen Gesicht her anders aussehe als vor der ES und während einiger guten Phasen zwischendurch.

    Klar, der Körper verändert sich natürlich in 12 Jahren, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass mich doch die Esstörung sehr gezeichnet hat und dass ich nicht so aussehen würde, wenn ich die ganze Zeit gesund gewesen wäre :–(

    Kannst du sowas auch bei dir beobachten?

    Ich finde es verdammt hart: so lange gekämpft um wieder die alte zu sein, meinen neuen Körper zu akzeptieren und nun erkenne ich mein eigenes Gesicht kaum wieder; wenn ich in den Spiegel gucke…

    Ich würde mich riesig über deine Erfahrungen freuen!!!

    Antworten

    • Daniela Convertini says:
      23. Mai 2018 at 11:36

      Hallo liebe Annalena,

      vielen Dank für deinen Kommentar und das Lob!

      Ich denke schon, dass die Haut wie auch alle anderen Organe und Körperfunktionen durch die Mangelernährung in Leidenschaft gezogen werden.

      Die Haut benötigt Vitamine und Mineralstoffe, sowie eine Hormonbalance um gesund zu sein und zu bleiben.

      Ich kann verstehen, dass dich das herunterzieht und unglücklich macht. Meine Haut hat auch sichtbar gelitten, aber ich nutze natürliche Pflegeprodukte, wie Kokosöl und habe schon eine Verbesserung feststellen können.

      Vielleicht solltest du einen Besuch beim Homöopathen in Erwängung ziehen mit Schwerpunkt auf Hormonbalance.

      Ich hoffe, die Information hilft!

      Weiterhin viel Kraft & alles Liebe,

      Dani

      Antworten

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