Erfahrungsberichte

Motivationsstory – Magersucht austricksen, Yes, we can!

  • 16. Januar 2019

Swantje’s neuer Weg, Teil 1

– oder: wie ich für mich lernte, die Essstörung auszutricksen


Warum sitze ich jetzt hier und bin nicht beim Sport, oder surfe wissbegierig im Internet nach den neusten Ernährungs- und Fitnesstrends?
Warum denke ich nicht ans Essen, sondern nur, wie ich meinen Bericht anfangen soll? Ich verrate es euch:)

Weil es heute ein Jahr her ist, dass ich mich für das Leben und den Kampf gegen die „Dunkle Seite der Macht“ (ja, so nenne ich sie gerne, meine alte „gute Freundin“ die Anorexia Athletika) entschieden habe und mein altes Leben auf den Kopf gestellt habe.
Und, weil ich am 26.12. 2017 zum Kampfansager wurde…

Ende 2017 wurde mir bewusst, dass sich in den letzten Jahren essstörungstechnisch aber auch gar nichts getan hatte. Ich war latent im leichten Untergewicht, das ganze Leben drehte sich nur ums Essen und Sport, ich war sozial isoliert und bei der Arbeit konnte ich mich kaum konzentrieren.

Ich war ständig gereizt und übellaunig.

Ich mochte mich nicht, weder meine Art/Verhalten, noch meinen ausgemergelten Körper, für den ich mich schämte. Und ich verließ den Mann, der der Mann meines Lebens war… Er hatte mich einfach gestört – neee, nicht MICH, die Essstörung! Das war mir damals jedoch noch nicht so bewusst. Nach so vielen Jahren der Essstörung und diversen Therapien und Klinikaufenthalten wusste ich, woran das lag und was zu tun ist (Essen?), aber ich kam einfach nicht ins Handeln!

Immer dieses:

„du müsstest“, „du versuchst“, „du solltest“…

All das hat mich keinen Millimeter weitergebracht, eher runtergezogen, denn so scheitern alle Veränderungen! So konnte und wollte ich nicht mehr weitermachen. Noch hatte ich keine bleibenden, starken körperlichen Schäden (nur das Übliche: Keine eigenen Zähne mehr, schleches Knorpelgewebe und starke Körperbehaarung), aber wie lange noch? Denn langsam merkte ich, dass sich die Unterversorgung vor allem mit Kohlenhydraten auf meine Gehirnfunktionen auszuwirken begonnen (wohlgemerkt: ich war „nur“ im leichten Untergewicht).

Es gab eine Situation, in der ich nur merkte, dass irgendwas nicht stimmt. Man sprach mich an, ob ich betrunken sei (nachmittags um 15 Uhr!), denn ich hätte gelallt und desorientiert gewirkt… DAS war der erste kleine Wachrüttler. Ich begann wieder mehr Kohlenhydrate zu essen – mit dem Stand von heute betrachtet: lächerliche Mengen, aber es war ein erster kleiner Schritt. Und ich beschloss mich wieder in eine Klinik zu begeben und habe mich dann Ende 2017 in der Schön Klinik Bad Bramstedt angemeldet.

Ich wollte wieder Lachen, Fühlen, Energie haben

und vor Allem: Zeit für die schönen Dinge des Lebens haben! Schmerzlich musste ich mir eingestehen, dass ich es zuhause nicht schaffen würde aus dem Teufelskreis auszubrechen, zu fest waren Rituale, Zwänge und die Angst vor Kontrollverlust in mir verwurzelt. Deshalb beschloss ich mich wieder in eine Klinik zu begeben. Jedoch wollte ich mich nicht „nur“ darauf verlassen, denn ich wollte für mich die Wartezeit nutzen um Dinge zu ändern, aber WIE?
So versuchte ich herauszubekommen, wie ich einen normalen Umgang mit dem Essen lernen könnte. Der erste Meilenstein war für mich das Buch „Friss oder stirb- wie mir die Magersucht auf dem Magen schlug und ich ihr ins Gesicht“ von Larissa Sarand. So realistisch und mit einem genialen bissigen Humor! Das brachte mich über Umwege zu Recoverybuddy und dem Onlinekurs deine Kampfansage.

Wie ich ins kalte Wasser sprang

Die Kampfansage hat mir den Kick-off gegeben und mir geholfen, mein Essen zu strukturieren und mich ins Handeln gebracht. Ich fing trotz aller Panik an, denn ich wusste jetzt: nur durch radikale Änderungen im Verhalten würde eine Chance für mich bestehen.

Ab dem 26.12.2017 machte ich von heute auf morgen keinen Sport mehr (vorher 6-7 x pro Woche 2-3 Stunden), verkaufte meinen Tracker und die Waage landete im Müll! Ich arbeitete mich durch das Programm und begann auch direkt mit den Plänen, die ich mir von Dani erstellt lassen hatte.

Das erste Mal wurde mir wirklich bewusst, dass ICH es bin, die entscheidet, wie es mir geht, dass ICH es in der Hand habe gesund zu werden, dass ICH dafür handeln muss und dass versuchen nicht ausreichte! Da ich dafür Zeit brauchte, habe ich mich direkt krankschreiben lassen. Früher wäre das für mich auch ein Unding gewesen. Diesmal musste ich mir jedoch eingestehen: es war erforderlich, denn ich hatte den Entschluss gefasst:

Ich werde der Essstörung den Kampf ansagen

und der einzige Mensch der jetzt zählt, BIN ICH. Alles andere wird sich zeigen! Das hört sich gerade so richtig leicht an, oder? Nein, das war es nicht! Ich hatte alle Ängste, die vermutlich jeder Essgestörte kennt:

– kann ich je wieder aufhören zu essen?
– werde ich fett?
– werde ich ohne Kontrolle wahnsinnig?
– werde ich unglücklich und unförmig ohne Sport?

Und vor Allem: Ich konnte mir nach 33 Jahren ein Leben OHNE gar nicht vorstellen!!!!! Sie gab mir die Struktur, Richtung und Kontrolle im Leben (kleiner Scherz am Rande, aber ich dachte das wirklich!) Ich habe heulend im Rewe gestanden, weil ich mich so über mich aufgeregt habe, da ich glaubte, dass ich es nicht schaffe, Käse zu kaufen!

Yes, we can!

Als ich merkte, dass es mit den spontanen Einkäufen nicht klappt, fing ich an, weitere Lösungsstategien zu entwickeln. So habe ich mir allen erstes im Internet in den Online-Shops meine Einkaufsliste zusammen gesucht und bin dann damit los und habe mir versprochen, dass ich nicht heim gehe, bis alles im Korb ist. Das hat die ersten Male schon mal ne Stunde gedauert, aber es wurde jedes Mal einfacher und schneller.

Handeln, aber wie?

Gefühle sind ein weites Thema, das ich als mit ausschlaggebend für den Kampf gegen die ES sehe. Je mehr ich sie wahrnehme, einordnen und sie fördern/abschwächen kann, desto leichter fällt mir das Handeln.

Ich habe die letzten Tage viel darüber nachgedacht und möchte etwas kleines aus meiner Erfahrung mit euch teilen:

Wenn ich merke, dass ich ein Gefühl habe, dass mich negativ berührt/belastet/beeinflusst, sage ich mir:
das ist ein Gefühl, und das ist im Prinzip noch nicht mal meins, da es den kranken Gedanken entspringt…
Wichtig für mich ist dieses Gefühl erstmal wahrzunehmen und nicht weg zu drücken, es darf da sein! Dann mache ich mir bewusst: Gefühle spiegeln nicht die Realität wieder, sondern nur unsere eigene Interpretation auf Grund von Erfahrungen und Leitsätzen.

Dennoch haben wir diese Gefühle und um sie abzuschwächen gibt es verschiedene Möglichkeiten:

1. Entgegengesetzt Wahrnehmen
Beispiel: wenn ich Liebeskummer habe, sehe ich überall Frischverliebte und das zieht einen runter also: auf die Nicht-Turtler achten… → auf die Teile des Körpers fokussieren, die ich mag (und wenn es der kleine Zeh ist oder die Wimpern, das alles gehört zu mir)

2. Entgegengesetzt Denken
Beispiel: wenn ich neidisch auf jemanden bin mir überlegen, was ich alles habe/kann und stolz auf mich sein → das positive in der Recovery sehen, Essen macht nicht „fett“, sondern gibt mir Energie um mein Leben zu genießen → irgendjemand scheint mich nicht zu mögen und ich denke ich habe was falsch gemacht, hab ich aber nicht … denken: mag ich denn jeden? → Bestimmte Lebensmittel machen Angst….. denken: das sind Lebensmittel, einfach neutrale Mittel, die mir das Leben ermöglichen

3. Entgegengesetzte Körperhaltung
Beispiel: bei einem Gespräch mit einem Vorgesetzten sitze ich, er steht… ich fühle mich unterlegen, wenn wir beide stehen oder sitzen sind wir auf „Augenhöhe“ und ich fühle mich sicherer → ich fühle mich unsicher in sozialen Kontakten und meine Schultern kippen nach vorne, wenn ich mich aufrichte fühle ich mich automatisch sicherer.

4. Entgegengesetzt Handeln
Beispiel: ich fahre immer den selben Weg zur Arbeit und bin gelangweilt & unaufmerksam, alternative Routen suchen, vielleicht entdecke ich ganz neue Seiten meiner Stadt
→ die ES verbietet mir eine Kugel Eis, also esse ich 2 mit Sahne.
→ neues macht mir Angst z.B. ich esse jedem morgen denselben (sicheren) Belag, also: jedes Mal einen andere kaufen
→ den Bewegungszwang zu unterdrücken macht mich nervös & gereizt , also alternative Beschäftigungen suchen wie schreiben, lesen, stricken, Musik machen.

Was mir auch geholfen hat, war meine Gefühle einige Zeit zu protokollieren, dadurch konnte ich wiederkehrende Mechanismen erkennen und was mir in den Situationen gut getan hat…. Das macht STOLZ und das ist definitiv ein schönes Gefühl! Das ist eine Reise in die Eigene Gefühls- und Wahrnehmungswelt, kein Sprint, sondern ein Marathon, der mich zu mir selber führt und der Essstörung ihren Raum nimmt!

Wir sind Experten unserer Krankheit!

Wir lesen Blogs, Bücher und sind in diversen Facebook-Foren…. Je nachdem wie lange wir schon der Essstörung folgen und wie viele Therapien wir hinter uns haben, wissen wir auch, welche Entstehungsgeschichte & Funktion die Essstörung für uns hat, welche Situationen sie begünstigen und welches die Trigger sind. Und dennoch, trotz all dieses Wissens gelingt es nicht aus dem Stadium des „eigentlich“ & „versuchen“ heraus zu kommen und wirklich die ersten Schritte auf dem Weg in die Freiheit zu gehen.

WARUM?????

Wir haben alle ein Ziel: ein gesundes Leben ohne die Essstörung! Dieses können nur durch unser Handeln erreicht. Aber das
ist sooo groß, dass ich wie eine Maus vor der Schlange gestanden habe und starr war! Aber es gibt den Spruch: „jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt“, also lasst uns doch den großen Kuchen in viele kleine Stücke teilen, dann liegen sie nicht so schwer im Magen:)

Ich habe mir Zwischenziele gesucht, das Langfristige Ziel war mir ja klar. Es waren nicht nur welche, die sich auf das Essen bezogen, sondern auch auf Verhalten oder das Üben bestimmter Situationen. Ziel waren für mich die für einen Tag oder eine Woche, zB je Tag/Woche/Monat usw.:

– Morgen im Restaurant esse ich einen Burger
– In der kommenden Wochen das Lebensmittel XY von der schwarzen Liste essen
– In der nächsten Woche esse ich nach Plan
– Am Mittwoch führe ich ein klärendes Gespräch
– In einem halben Jahr keine schwarze Liste mehr zu haben
– Kein Sport bis zum Normalgewicht
– Jeden Morgen 10 Minuten Meditieren
– Mindestens 1x im Monat Kino, Theater, Kabarett o.Ä.
– Ich schreibe jeden Tag 3 Dinge auf, die am Tag schön waren oder mir gut getan haben
– Am Sonntag mit YX in die Sauna gehen
– Im Gruppenraum morgen Abend die anderen ausreden lassen

Was fällt auf? Diese Ziele sind SMART, sie sind → spezifisch → messbar → aktionsorientiert → realistisch → terminiert.

Das Schöne daran ist: ich konnte sie abhaken! Dadurch konnte ich stolz auf mich sein und meine Fortschritte sehen, das Motiviert!
Wenn ich ein Ziel erreicht habe, habe ich mich belohnt. Die Belohnung habe ich mir auch schon immer zusammen mit dem Ziel überlegt. Natürlich auf das Ziel angepasst (für den Burger gab es eine Zeitschrift, die ich mir sonst nicht gegönnt hatte, für das ganze letzte Jahr schenke ich mir im Februar eine Kreuzfahrt)!

Warum auch noch eine Belohnung, reicht doch, dass ich das Ziel erreicht habe, oder? Jein, denn ich wusste gar nicht mehr was MIR gut tut, was mich interessiert, was ich mag. So war ich dazu gezwungen, mich damit zu beschäftigen und zu lernen mir etwas Gutes zu tun und zu gönnen! Zweitens:

Veränderung braucht Zeit, Geduld und Konsequenz.

Ich kann nicht erwarten, dass nach drei Tagen regelmäßigen Essens oder dem einmaligen Verzehr eines „verbotenen Lebensmittels“ oder Veränderung eines lang antrainierten Verhaltens (Sport, Bewegungszwang) das sofort zur Gewohnheit wird. Neue Gewohnheiten brauchen etwa 30 Tage, um sich zu manifestieren! Einmal ist keinmal! Dass es leicht wird und schnell geht habe ich auch nie behauptet! Aber es funktioniert!

Sei bei Allem achtsam und selbstfürsorglich mit dir, auch wenn ein Ziel mal nicht klappt (das war im Übrigen eine gute Übung gegen meinen Perfektionismus). Manchmal ist ein Ziel auch zu hoch gesteckt zum momentanen Zeitpunkt der Genesung, dann habe ich es mir für später aufgehoben. Sei es dir selbst wert, für dich zu arbeiten und dich zu mögen!

Alles Liebe, eure Swantje 😀
Hier geht es weiter zu Teil 2 – Was mir in der Klinik geholfen hat.

Willst du auch Erfolge feiern?

Besuche meinen erfolgreichen Onlinekurs “deine Kampfansage” und trete damit automatisch unserer großen Recovery-Gemeinschaft bei. Motivation und Unterstützung bringt dich langfristig an dein Ziel zu einem unbeschwerten und glücklichen Leben:)

Gemeinsam machen wir dich stark!

Bis bald,

deine Dani von Recoverybuddy

1 Comment on Motivationsstory – Magersucht austricksen, Yes, we can!

  • sunny says:
    17. Januar 2019 at 8:47

    Sehr tolle Geschichte. v.a. die praktischen und konkreten Tipps find ich klasse. Vielen Dank dafür!!

    Antworten

Leave a Reply

Your email address will not be published. Fields marked with * are required

Newsletter abonnieren und GRATIS E-Book sichern!

Erhalte außerdem wertvolle Tipps zum Ausstieg aus der Esstörung.

 

- Regelmäßige Benachrichtigungen über neue Blogeinträge

- Infos über mich und meine Arbeit

- News, Angebote & Gewinnspiele

Du hast dich erfolgreich eingetragen.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen