Realistische Gewichtszunahme nach der Essstörung

  • 17. September 2017

Diesen Beitrag habe ich lange vor mich her geschoben, denn wenn es um die Gewichtszunahme nach der Essstörung geht, kann ich keine pauschalen Angaben machen. Wir alle haben verschiedene Formen und Größen, zudem verschiedene genetische Veranlagungen.

Ich werde dennoch anhand meiner eigenen Erfahrungen über dieses Thema berichten und versuchen, die Dinge logisch zu erklären, um euch die Angst vor der Gewichtszunahme etwas zu nehmen.

Doch zunächst einmal lösen wir die Frage, warum manche Menschen problemlos ihr Gewicht halten, auch wenn sie nicht versuchen, es zu kontrollieren?

Die Antwort ist:

Dieses Gewicht ist ihr Setpunkt.

Ein Referenzpunkt, an dem der Körper nur mit großem Aufwand an Gewicht zu- oder abnehmen kann. Dieses Gewicht versucht der Körper zu halten, weil er sich dort am gesündesten fühlt. Es handelt sich jedoch nicht um einen bestimmten Punkt auf der Gewichtsskala, sondern um eine Gewichtsspanne von etwa 1-5 kg.

Innerhalb dieser Spanne können wir durch Lebensstilveränderungen noch relativ einfach das Gewicht modifizieren. Einige von uns haben einen höheren Setpunkt, andere einen niedrigeren, die meisten von uns liegen irgendwo dazwischen. Eine große Rolle spielen hierbei vor allem die Gene. Für gerade einmal 5% der Bevölkerung liegt der Setpunkt im unteren Normalgewicht oder Untergewichtsbereich.

Die Gene sind auch dafür verantwortlich, wie sich das Fett verteilt, wie schwer die Knochen sind und wie viel Muskelmasse vorhanden ist. Gegen diese genetische Veranlagung anzugehen, wird daher langfristig nicht funktionieren. Wer sein Gewicht (selbst über Jahre hinweg) unter dem Setpunkt hält, wird diesen nicht automatisch nach unten verschieben können. Der Körper wird immer ein höheres Gewicht anstreben und wehrt sich gegen einen weiteren Gewichtsverlust. Der Setpunkt ist seine Komfortzone.

Frauen und Männer, die gegen diese Tatsachen arbeiten und ihre Körperform extrem verändern wollen, geraten daher nicht selten in einen Kreislauf aus Jojo-Diäten, Gewichtsschwankungen und Essattacken.

Allerdings steigt der Setpoint mit dem Alter um ungefähr 0,5 kg pro Jahr, speziell bei Menschen, die sich zu wenig bewegen. Zudem begünstigen Jojo-Diäten und eine nährstoffarme Ernährung einen höheren Setpunkt. Wer davon betroffenen ist, kann mit mehr Bewegung im Alltag seinen Stoffwechsel wieder erhöhen und auch den Setpunkt wieder etwas senken.

Welches das natürliche Gewicht ist, können die meisten Menschen selbst beobachten. Auch die Körperformen der Eltern sind ein Indiz dafür, wo der persönliche Setpunkt in etwa liegt. Doch wie ist es bei Menschen mit einem vorhergehenden Essproblem?

Meine Erfahrung.

Als ich mich dazu entschieden hatte, wieder ausreichend zu essen, befand ich mich im unteren Normalgewichtsbereich. Mir war bewusst, dass dies nicht meinem natürlichen Gewicht entspricht, und nahm eine Gewichtszunahme in Kauf, um endlich von den zwanghaften Verhaltensweisen zu heilen. Es folgte eine etwa 6-monatige Phase mit Extremhunger, hoher Kalorienzufuhr und einer durchschnittlichen Zunahme von etwa 0,5 kg pro Woche.

Nach dieser Phase hatte ich also rund 12 Kilo mehr auf die Waage gebracht und somit auch meinen Setpunkt überschossen. Mein Sättigungsgefühl kam zurück und die Heißhunger-Attacken blieben aus. Während der nächsten 7 Monate verlor ich aus diesem Grund kontinuierlich 1 kg pro Monat und halte dieses Gewicht seitdem. Ich habe meinem Körper erlaubt, sein Wohlfühlgewicht selbst zu finden, aber vorher war es nötig, mein Hunger- und Sättigungsgefühl wieder zu regulieren.

Warum überschießen wir den Setpunkt?

Die folgende Grafik aus dem Buch The Binge Code beschreibt sehr gut, was mir widerfahren ist:

Ich scheine also kein Einzelfall zu sein, was meine Genesungskilos angeht. Wenn wir näher hinschauen und uns mit dieser Thematik befassen, erscheint Vieles auch logisch:

Ein gesunder BMI liegt zwischen 20 und 25. Viele Magersüchtige hoffen, dass sie bis maximal BMI 20 zunehmen und dann vollständig wiederhergestellt und gesund sind. Diese Ansicht ist falsch, denn zum einen wird der genetische Setpunkt dabei vernachlässigt und zum anderen der Fakt, dass im Körper selbst bei einem BMI über 20 noch Reparaturvorgänge stattfinden, die Energie benötigen und diese auch einfordern (Extremhunger). Je nachdem wie groß der Schaden ist, dauert die Genesungsphase so lange an, bis alle Körperfunktionen vollständig wiederhergestellt sind. Dazu gehört auch die Regulierung von Hunger- und Sättigungsgefühl.

Aufgrund der vermehrten Wassereinlagerung ist das Gewicht zudem „verfälscht“ und kein reales Gewicht. So kann ein relativ gesundes Gewicht erreicht werden, doch den Körperzellen fehlen immer noch essentielle Nährstoffe, der Darmflora Enzyme, den Organen und Muskeln Aminosäuren und den Knochen Calzium. Solange die Körperzellen hungern, sind wir nicht gesund. Egal, bei welchem Gewicht!
Statt des Wassers, benötigt der Körper Körperfett und Muskelmasse. Hat diese Umwandlung noch nicht stattgefunden, können auch die Nährstoffe nicht effektiv gespeichert und genutzt werden.

Die Quasi-Genesung

Man spricht von einer Quasi-Genesung, wenn Betroffene bis zu einem gesunden Body-Mass-Index zugenommen haben, ihre Nahrungszufuhr aber immer noch überwachen und einschränken, um das Gewicht nicht zu überschreiten. Sie trauen sich meist nicht, bis zur Sättigung zu essen und verspüren meist auch keine, weil Hunger- und Sättigung noch nicht wieder reguliert worden.

Um vollständig aus dem Teufelskreis auszubrechen, ist es nötig, dein natürliches Gewicht zu akzeptieren und auch, dass du dieses ggfs. zeitweise überschreiten wirst, um dauerhaft gesund zu sein und zu bleiben.

Noch mehr Hilfe?

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Gemeinsam machen wir dich stark!

Bis bald,

deine Dani von Recoverybuddy

16 Comments on Realistische Gewichtszunahme nach der Essstörung

  • Lea says:
    27. Februar 2018 at 8:36

    Danke für diesen Erfahrungsbericht – er könnte meine Rettung sein! Bin gerade am Verzweifeln, weil ich von November bis Januar massiv an Bauch und Po zugelegt habe. Dabei hatte ich den Normalgewichtsbereich mit BMI 20 schon erreicht.

    Essdruck: kommt mir vor wie nicht stoppbar, komme gut auf 2000 kcal/d (ohne zu zählen, nur überschlagsmäßig).
    Musste verletzungsbedingt zudem im Nov. 2015 den Sport aufgeben – …. 🙁

    Ich hoffe jetzt mal tapfer, dass das Fett wieder schwindet, wenn die Schäden aus 30 Jahren Essstörung halbwegs aufgefangen wurden.
    So kann es nicht weiter gehen.

    Antworten

  • Fiona says:
    30. April 2019 at 10:09

    Danke für diesen tollen und hilfreichen Beitrag.
    Ich habe vor einiger Zeit meine Bulimie aufgegeben,erwische mich aber doch immer wieder dabei, meine Nahrung, mein Essverhalten sowie mein Gewicht zu überwachen. Es ist so schwer aus diesem Teufelskreis heraus zu kommen, besonders, wenn man dann plötzlich den Wert, den man im Kopf für „noch okay“ hält, überschreitet und bestimmte Klamotten einfach nicht mehr passen. Das macht mir schon sehr zu schaffen. 🙁 Andererseits möchte ich meinem Körper nach all den Jahren des Darbens auch endlich mal gönnen, seinen Setpunkt zu finden und gesund zu werden. Es ist wirklich hart. …

    Antworten

    • Sonja says:
      17. Juli 2019 at 17:00

      Geht mir auch so habe angst das ich nur noch zunehme ohne viel zu essen u. Sport bis zum umfallen

      Antworten

  • Lina says:
    7. September 2019 at 11:13

    Danke danke danke, dieser Beitrag beruhigt mich ungemein. Ich stehe kurz vor der Klinik und habe noch eine letzte Chance daran vorbei. Ich habe unglaublich doll Angst Gewicht zuzunehmen, denn mein Gewicht schwankt immer bis zu 2 kg innerhalb zwei Tagen. Ich bin total verwirrt und habe Angst dass mein Körper unnormal schnell zunimmt. Geht das??? Ich bin erstmal beruhigt, wenn du sagst du hättest mit extremhunger und alles nur 0,5 kg pro Woche zugenommen.. Ich habe wirklich Angst, vielen Dank für diesen Beitrag 🙂

    Antworten

    • Daniela Convertini says:
      9. September 2019 at 11:39

      Hallo liebe Lina,

      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Keine Sorge, solche Schwankungen haben sogar gesunde Menschen. Deshalb macht es wenig Sinn, dich täglich oder alle 2 Tage zu wiegen. Wöchentlich reicht, oder besser noch im 14-Tage-Takt von einem Arzt!

      Ich sagte IM DURCHSCHNITT waren es 0,5 kg. Also auch mal 2-3 kg die Woche, dann mal Stillstand, dann Abnahme, dann Zunahme …Ich habe mich nur am Anfang und Ende gewogen und durch die Wochen geteilt;)

      Ich hoffe, die Information hilft!
      Viel Kraft & alles erdenklich Gute<3

      Deine Dani

      Antworten

  • Alina says:
    11. Oktober 2019 at 11:19

    Danke dafür.

    Ich wusste bereits, dass es normal ist dass man wenn man wieder anfängt zu essen, man mehr zunimmt als vielleicht das Normalgewicht ist, mir war aber nicht bewusst, dass es nur eine Scheingenesung ist und es noch länger dauert bis man wirklich gesund ist.
    Ich hab die letzten ca. 9 Jahre mit Magersucht und teilweise Bulimie gekämpft, hatte zwischendurch es halbwegs im Griff, hatte aber 20 kg zugenommen und mich total unwohl gefühlt und schreckliche Kommentare geerntet, dabei hab ich relativ normal gegessen. Dann nahm ich durch Sport und nichtessen wieder extrem ab und seitdem schwankte es. Vor einem Jahr war ich an meinem Tiefpunkt mit <40 kg. Habe seitdem aber ca. 30 kg zugenommen und nehme immer noch weiter zu obwohl ich eigentlich gesund esse und eher etwas zu wenig als zu viel.
    Es beunruhigt mich total und fällt mir schwer es zu akzeptieren und nicht wieder reinzurutschen, weil ich immer im Kopf hab, dass ich längst über ein Normalgewicht gekommen bin und nicht viel und gesund esse, aber immer noch jede Woche ~0,5 kg zunehme.

    Antworten

    • Daniela Convertini says:
      11. Oktober 2019 at 12:19

      Weitermachen und immer satt essen. Die Zunahme macht dir nur klar, dass dein Körper noch heilt und heilen muss. Erst danach lässt er wieder los<3

      Alles Liebe,

      Deine Dani

      Antworten

  • Melanie Gonzalez says:
    4. Januar 2020 at 12:27

    Hallo.
    Ich weiß gar nicht, wo ich genau anfangen soll. Ich bin 41 Jahre,berufstätig, alleinerziehend mit zwei Kindern und habe seit ca.3,5 Jahren Magersucht. Nun möchte ich ohne Therapie, aus eigener Kraft gesund werden. Ich hab aber ganz viele Ängste und Fragen und ich möchte nicht dick werden. Vielleicht könntest du mir helfen und einige Ängste entkräften. Würde mich über eine Antwort freuen. Liebe Grüße Melanie

    Antworten

  • Daniela Convertini says:
    6. Januar 2020 at 9:17

    Hallo liebe Melanie,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Deine Ängste kenne ich zu gut. Sie dürfen dein Leben aber nicht bestimmen und dich einschränken.

    Bitte schaue dir mein Selbsthilfeprogramm an unter: https://tinyurl.com/rcfekyl
    um deine eigenen Blockaden zu finden und zu lösen.

    Wenn dann noch Fragen offen sind, kannst du im Bereich „Coaching“ ein kostenfreies Beratungsgespräch buchen.
    (https://recoverybuddy.de/coaching/)

    Herzliche Grüsse & ganz viel Kraft,

    Deine Dani

    Antworten

  • Melie says:
    11. Januar 2020 at 12:14

    Hi Dani

    Nach Plan essen ( 2500-3000kcal), Zunahme akzeptieren, dann Intuitiv essen …und das Gewicht wird sich dann wieder einpendeln…

    Meine Frage dazu:
    man nimmt doch nur ab wenn ein Kalorien Defizit besteht, wie schafft es der Körper dann nach der Recovery die überschüssigen Pfunde wieder los zu werden?
    Das verstehe ich i-wie nicht !?!
    Wenn man sich dann intuitiv ernährt wird der Körper einem doch dann quasi nicht melden „ey komm 1000 kcal reichen, wir wollen mal ein paar Pfunde los werden 😀 ;)“

    PS Und noch kurz eine andere Sache:
    grob überschlagen:
    wieviele Proteine soll man am besten tägl in der Recovery essen?
    (ich bin aus ethischen Gründen Veganerin, und hätte nicht bei jeder Hauptmahlzeit Lust auf Tofu etc
    …laut meinem Diät-Hirn weiß ich aber das auch Hülsenfrüchte, Brokkoli, etc pp sehr viel Protein enthalten)

    LG Melie

    Antworten

    • Daniela Convertini says:
      11. Januar 2020 at 15:12

      Nein, das nicht aber er sagte: „Hey, ich habe wieder Lust mich mehr zu bewegen und endlich Energie für neue Projekte. Lets do it!“

      Ich habe über 15 kg nach der Recovery abgenommen, da es einfach nicht das Gewicht war, das für mich vorgesehen war. Ein normaler „Overshoot“, oder Jojo-Effekt, der sich wieder reguliert, sobald du den Körper alleine machen lässt.

      Fang doch erstmal mit dem Essen an, bevor du dich schon wieder mit dem Abnehmen beschäftigst!

      LG Deine Dani

      Dein Körper verfügt über eine somatisch

      Antworten

      • Melie says:
        11. Januar 2020 at 16:27

        vielen lieben dank für deine antworten dani.
        und auch vielen lieben dank generell für deine hilfe, deine youtube videos, und die nun kostenlosen kapitel in der fb-gruppe 🙂

        Antworten

  • Corina Good says:
    25. Januar 2020 at 16:08

    Liebe Dani

    Ich esse eigentlich schon seit längerem etwa 2100 Kalorien pro Tag und habe bei einer Grösse von 168cm ein Gewicht von 45Kg erreicht. Jetzt nehme ich aber seit einiger Zeit jede Woche ca. 200g zu und bin jetzt über 47Kg. Ich weiss ja, dass das immer noch sehr wenig ist, aber ich habe jetzt halt Panik, dass das ewig so weiter geht, obwohl ich ja nicht mehr esse.
    Hunger habe ich leider auch immer noch oft, es ist aber etwas besser. Und dann ist auch komisch, dass ich die Gewichtszunahme eigentlich optisch gar nicht wirklich sehe, seit einiger Zeit wird aber mein Bauch immer dicker und dicker, so dass ich wie schwanger aussehe und manchmal sogar auch etwas eng beim Atmen habe.
    Hast du vielleicht eine Idee, woran das liegen könnte?
    Und kannst du mir vielleicht auch helfen zu verstehen, wieso ich jetzt plötzlich jede Woche zunehme ohne dass ich etwas geändert habe?

    Liebe Grüsse
    Corina

    Antworten

  • Runetoki says:
    9. April 2020 at 19:28

    Hallo,
    Ich habe vor der Ms schätzungsweise 60 kg gewogen, bei einer Körpergröße von 1,78 m. Jetzt sind es 70. Ich hatte mich nie eine 7 vorne und habe mich total erschrocken. Jetzt verstehe ich, warum meine Hosen mir nicht mehr passen. Ich weiß, dass das rein rechnerisch kein Übergewicht ist, bin jetzt aber total verzweifelt. Alleine die Tatsache, dass ich 10 kg zugenommen habe, macht mir zu schaffen. Ich vermisse meine alte (Prä ms) Figur und ärgere mich, sie mir vermasselt zu haben.

    Antworten

    • Daniela Convertini says:
      9. April 2020 at 22:39

      ärgere dich nicht. Dein Körper darf jetzt heilen, oder? Irgendwie rächt er sich auch für all die Schandtaten und das, was wir ihm zugemutet haben. Bleib einfach dran, iss dich weiterhin satt und kümmere dich um die wichtigen Dinge des Lebens:)
      Heute bin ich gewichtstechnisch da, wo ich schon vor der ES sein wollte, aber nie halten konnte. Fotos findest du hier: https://www.instagram.com/p/B8xsZ0mKKOC/
      Weitermachen! Und viel Kraft dir:*

      Antworten

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