Erfahrungsberichte

Was der Partner wirklich fühlt. Eine Beziehung mit einer Magersüchtigen

  • 17. August 2018

Interview zum Ebook: Tagebuch als Partner einer Magersüchtigen.
– Mio Wedekind

1. Lieber Mio. Du hast einen Roman über die Beziehung mit einer Magersüchtigen verfasst. Was hat dich damals im Alter von erst 15 Jahren dazu bewogen, ein Tagebuch zu führen und deine Erfahrungen nieder zu schreiben?

Liebe Daniela, zuerst möchte ich mich ganz herzlich für die Möglichkeit zu diesem Interview bedanken. Es bedeutet mir sehr viel. Ich habe meine erste Freundin Enie mit 15 Jahren kennengelernt und habe, wie viele andere Jugendliche auch, versucht meine ersten schönen Erfahrungen festzuhalten. Anfangs war sie aufgeschlossen, fröhlich und hat viel gelacht. Mit der Zeit verschwanden unsere Gemeinsamkeiten und es hat sich alles in unserer Beziehung verändert. Auch die Veränderungen wollte ich gerne festhalten. Ich konnte mir zu der Zeit viele belastende Dinge von der Seele schreiben und mich dadurch motivieren, nicht aufzugeben. Es war und ist wie eine Selbsthilfe. Vieles, was man mit der Zeit zwar am liebsten verdrängt, bleibt so erhalten und zeigt mir noch heute, wie unfassbar stark man in dieser Zeit sein muss.

2. Was waren deine Ängste und was gab dir Hoffnung in dieser schwierigen Zeit?

Dadurch, dass ich tatsächlich mit „reingezogen“ wurde, wurden die Ängste auch immer größer. Zuerst plagte mich immer wieder die Angst sie würde noch mehr abnehmen. Gegen ihre Sucht Gewicht reduzieren zu wollen konnte ich nichts tun. Damit einhergehend natürlich die Angst vor gesundheitlichen Einbußen. Danach hatte ich Angst vor einem isolierenden Klinikaufenthalt, mit dem ihre Eltern immer wieder drohten. Sicherlich wäre der Aufenthalt sinnvoll gewesen, aber ich wollte sie unter allen Umständen nicht verlieren. Wahrscheinlich wollte ich unterbewusst meine Verantwortung, die ich empfand, nicht abgeben. Jedenfalls hatte ich große Angst davor, dass ich für längere Zeit nicht für sie da sein konnte. Die Ängste schnürten mich ein. Trotz meiner Anstrengungen gab sie mir immer das Gefühl ihr nicht zu genügen. Ich hatte Angst davor ersetzt zu werden. Ich hatte sogar Selbstzweifel, dass all meine Bemühungen nicht ausreichend waren. Angst und Selbstzweifel sind in dieser Zeit wohl die quälendsten Begleiter in der Rolle als Partner/in. Anfangs lebte ich in der Hoffnung es sei nur eine kurzfristige Phase, später hoffte ich die psychologische Betreuung und die Kenntnisnahme durch ihre Eltern würden final zu dem heilungsversprechenden Klinikaufenthalt führen.

3. Was hat dich besonders geprägt? Welche positiven als auch negativen Aspekte nimmst du mit für dein späteres Leben?

Geprägt hat mich insbesondere das ständige Auf und Ab der Gefühle. Enie war situativ unberechenbar und das stellte das Zusammenleben vor eine große Herausforderung. Ich fühlte mich ständig unter Druck gesetzt, kontrolliert und hatte immer Angst etwas falsch zu machen. Jedes Wort und die Konsequenz daraus musste ich mir vorher genau zurechtlegen, um keine ungewünschte Reaktion hervorzurufen. Am meisten geprägt hat mich die Tatsache, dass Magersucht einen Menschen so fest im Griff hat, dass der Zugang zu ihm nicht mehr möglich ist. Für mein späteres Leben habe ich gelernt, dass man nicht alles alleine schaffen kann. In gewissen Situationen ist professionelle Unterstützung ein Muss. Außerdem sollte Magersucht als Erkrankung wahrgenommen werden und dafür muss man sich nicht schämen. Umso wichtiger ist der Familienzusammenhalt. Ein negativer Aspekt ist sicherlich in der Partnerposition die Selbstaufgabe. Ich würde mich im späteren Leben nicht mehr bis zur totalen Selbstaufgabe für eine Person einsetzen. Dadurch verliert man die Kontrolle über das eigene Leben, die Persönlichkeit, Kraft und das private Umfeld.

4. Warum scheiterte die Beziehung zu deiner damaligen Freundin letztendlich?

Zu den schlimmsten Zeiten hat Enie nur noch sich selbst gesehen. In ihrem Leben war kein Platz mehr für andere Menschen. Sie war der Auffassung, ich habe sie zu sehr eingeengt. Ich stand im Weg, als sie zum zweiten Mal an einem Tag mehr als 700 kcal auf dem Laufband verbrennen wollte. Ich war auch derjenige, der womöglich zu viel von ihrer Zeit vereinnahmte. Ich wollte körperliche Nähe aufbauen und schlussendlich war ich auch derjenige, der mittags und abends etwas Essen wollte. All diese Dinge haben sie leider dazu gebracht mich zu verlassen. Ich habe immer die Ruhe bewahrt und mein Leben vollkommen nach ihr gerichtet. Das ist sicherlich nicht der richtige Ansatz, aber ich war so zwischen Liebe und Verantwortung gefangen, dass ich nicht wusste, was ich hätte anderes tun können.

5. Was wünscht du dir für andere Paare und Angehörige, die mit dem Thema Essstörung in der Beziehung/Partnerschaft konfrontiert sind?

Ich wünsche mir das der oft schleichende Prozess frühzeitig erkannt wird. In einer Beziehung ist zu Beginn der Krankheit sicherlich noch Raum, um darüber zu sprechen. Außerdem sollte sich der/die Betroffene nicht scheuen Hilfe zu suchen. Das ist kein Fehler, sondern der erste Weg zur Besserung. Im Vordergrund steht sicherlich der Wille zur Heilung, das ist klar. Und wenn der Wille da ist, wünsche ich mir von allen Angehörigen volle und tatkräftige Unterstützung. In dieser Zeit gibt es keine Alternative. Enie´s Mutter war unverantwortlich und ist den Tatsachen willentlich aus dem Weg gegangen und ich kann das bis heute absolut nicht nachvollziehen. Ich wünsche mir mehr Achtsamkeit innerhalb der Familien- und Partnerschaften und gesellschaftliche Akzeptanz von Essstörungen als Krankheitsbild.

6. Welches Ziel verfolgst du mit deiner Veröffentlichung?

Ich habe dieses romanartige Tagebuch geschrieben, um den Leserinnen und Lesern zu zeigen, dass sie als Partner/in in dieser schweren Situation nicht alleine sind. Es ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit viele Etappen dieses Prozesses anhand von Erlebnissen und Erfahrungen aufzuzeigen. Denn als Partner wird man es nie begreifen können, warum die Person damit zu kämpfen hat, die man liebt. Man kämpft quasi alleine gegen die Magersucht.

7. Glaubst du, dass eine glückliche Beziehung mit einer essgestörten Person möglich ist? Was wären die Voraussetzungen hierfür? Einerseits für den Betroffenen und andereseits für den gesunden Partner?

Das ist eine schwere Frage, weil meiner Meinung nach jeder individuell ist und natürlich auch eine andere Vorstellung von einer Beziehung hat. Ich denke, dass gerade in jungen Jahren viele sich mit einer derartigen Verantwortung nicht auseinandersetzen wollen und können und deshalb den Ausweg suchen. Es gibt sicherlich auch Betroffene die kein Interesse an einer Beziehung haben. Die zentrale Voraussetzung für die Betroffenen ist Einsicht. Um die Beziehung aufrecht zu erhalten, sollten sie sich darüber im Klaren sein, dass diese nur funktioniert, wenn sie sich eingestehen krank zu sein. Auch sollten sie es vermeiden, den Partner zu sehr zu kontrollieren. Ich weiß, meistens passiert das nicht absichtlich. Aber der Partner wird sich aus dem Druck der Verantwortung ohnehin kümmern. Der Partner darf sich nicht isolieren lassen und muss seine Kräfte bündeln, um stark für sich und den Betroffenen zu sein.
Insofern der gesunde Partner ebenfalls mit „reingezogen“ wurde, sollte er zunächst immer wieder darauf plädieren Hilfe zu engagieren. Und ganz wichtig ist, insofern der Wille zur Verbesserung auf Seiten des Betroffenen da ist, Durchhaltevermögen. Die Zeit wird sicherlich schwer, insbesondere wenn man als Partner noch ein eigenes Leben mit Arbeit, Familie und Hobbies führt. Aber wenn der Betroffene einsichtig die Hand ausstreckt und der Partner sie nimmt, dann kämpfen zwei Entschlossene gegen eine Magersucht und es können Berge versetzt werden.

8. Gibt es etwas, was du meinen Lesern mit auf den Weg geben willst?

Ja. Verschenkt keine Lebensqualität! Eine Beziehung/Partnerschaft kann so schön sein. Und es gibt immer einen Weg aus der Essstörung hinaus, da bin ich mir ganz sicher. Nutzt Netzwerke, tauscht euch in Selbsthilfegruppen aus und lasst euch professionell helfen. Wichtig ist auch, dass ihr als Partner/in die Schuld nicht direkt bei euch suchen müsst. Bleibt stark, geduldig und mutig. Ich wünsche euch allen alles erdenklich Gute für die Zukunft.

9. Wo gibt es dein Buch “Tagebuch als Partner einer Magersüchtigen – Wenn die erste große Liebe immer dünner wird” zu kaufen?

Bei Amazon über den folgenden Link: https://amzn.to/2OJxd0y

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Bis bald,

deine Dani von Recoverybuddy

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