Binge eating

Wie esse ich „normal“?

  • 21. Januar 2018

Wenn ich von normalem essen spreche, fragen sich viele: „Was bedeutet es überhaupt normal zu essen?“ Die Meisten von uns wissen zwar, dass es Menschen gibt, die nicht wirklich übers Essen nachdenken, einfach essen auf was sie Lust haben und ganz natürlich „angemessen“ essen (vielleicht könnte man auch sagen nach Bedarf), ohne große Anstrengung. Und dies, weil sie sich nicht groß darum Sorgen was, wann und wie viel sie essen. Aber wir verstehen nicht wie (zum Teufel!) sie das machen?

„Was machen diese Menschen, was ich nicht mache? Ich kann sie nicht nachvollziehen!“

Es hat mich Jahre gekostet, um „normale Esser“ zu verstehen und es wie sie anzugehen. Und das, weil ich auf eine falsche Art und Weise versuchte „normal zu essen“. Ich versuchte mich selbst zu kontrollieren, versuchte es mit dem Essen anders anzugehen, versuchte zu essen, wenn ich hungrig bin und aufzuhören, wenn ich satt bin oder was auch immer ich versuchte, ich versuchte es anders zu tun als in meiner bisherigen gestörten Essbeziehung.

Ein kurzer Exkurs in meine Vergangenheit:

Ungefähr mit sechzehn Jahren begann ich meine erste Diät und setzte Bewegung nicht mehr nur als Spaß, sondern mit dem Ziel ein, abzunehmen. Noch bevor ich zwanzig war, machte ich meine erste Saftfastenwoche. Verlor ich 2 bis 3 Kilos, fühlte ich mich gut, nahm ich diese wieder zu, war ich sehr unzufrieden. Schon zu dieser Zeit verbarg ich meinem Umfeld meine starke Unzufriedenheit mit meinem Körper und den Wunsch, dünn zu sein. Ich war nie übergewichtig, dennoch trennten mich für mein Empfinden einige Kilos von meinem Wunschgewicht. Ich probierte einiges aus, konnte aber nichts lange durchhalten. Anfang zwanzig verlor ich drei, vier Kilos und konnte mein Gewicht auch halten. Trotz der Tortour, der ich mich immer wieder untersetzte, erreichte ich aber nie mein dünnes Wunschgewicht.

Mein Diätwahn wurde immer absurder. Ich probierte einige Tage eine strikte Wasser- Diät aus, ernährte mich tagelang nur von Almased Shakes, nicht zu vergessen die Atkins Diät, in der ich mir nur Hüttenkäse, Eier, Tofu und etwas Fleisch erlaubte oder aß den ganzen Tag nur Eiweißriegel bis ich Blut im Urin hatte. Nach solchen Phasen der Restriktion wurden die Heißhungerattacken auf Süßes und Fettiges immer stärker.

Zu dieser Zeit hatte ich gerade meinen Vollzeitstudiengang zur Sozialpädagogin abgeschlossen und startete voller Elan an verschiedenen Schulen, wo ich als Lehrperson arbeitete. Nebenbei arbeitete ich weiterhin an den Abenden und am Wochenende in einem Restaurant (so finanzierte ich mir meine Ausbildung und meinen Lebensunterhalt). Ich arbeitete sehr viel, hatte aber Spaß, war belastbar, fühlte mich stark und hatte ein gutes privates Umfeld. Dies war aber auch die Zeit als das Binge Eating begann.

Ich hatte ein wunderbares Leben, dass ich nicht genießen konnte.

Es war skurril. Ich hatte so viel Kontrolle über mein Leben, nicht nur wenn’s ums Essen ging. Und dann gab es Momente, in denen ich außer Kontrolle war. Es startete klein und selten. Geriet aber immer mehr ausser Kontrolle. Zuerst war es ein Pastateller mehr als nötig, dann kam Süßes hinzu und ehe ich mich versah, aß ich so viel und schnell wie ich konnte…bis ich nicht mehr konnte. Es fühlte sich gestört an. Und gleichzeitig tat es auch unendlich gut meinem Drang nach Essen endlich nachzugeben. Da waren aber auch die enormen Schuldgefühle. „Warum hast du das getan? Jetzt waren die letzten drei Tage Diät umsonst. Ok, dann muss ich ab Morgen umso strenger zu mir sein.“ Der Teufelskreis begann. So gestört sich die Essanfälle anfühlten, so erlösend waren sie während des Anfalls. Zuerst nahm ich es nicht genug ernst. Gönnte mir sogar bewusst nach einigen Tagen strikter Diät einen Sack Süßigkeiten. Aber ich hatte auch enorme Angst vor dem Zunehmen. So rutschte ich vom Binge Eating in die Bulimie. Meine Essanfälle kompensierte ich mit exzessivem Sport, Erbrechen oder noch stärkerem Hungern. Der Teufelskreis wurde immer stärker und stärker. Ich probierte immer neue Essensrestriktionen aus. Bis ich nach einigen Tagen meinem Drang für einen Essanfall nachgab und

aß bis es schmerzte und ich nicht mehr konnte.

Am nächsten Tag hasste ich mich dafür und war besonders strikt oder trainierte extra hart. Bis ich wieder einen Binge Eating Anfall hatte. Um es kurz zu machen, die Bulimie begleitete mich für fast sechs Jahre. Meine verzweifelten Versuche (inklusive zwei Therapien), die Bulimie endlich zu besiegen, scheiterten. Bis ich das Buch „Brain over Binge“ las. Dies setzte so vieles in Gang und half mir Schritt für Schritt, meine destruktiven Verhaltensweisen abzulegen und neue Verhaltensweisen aufzubauen.

Heute gehört die Bulimie meiner Vergangenheit an. Nun möchte ich Betroffene mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen auf ihrem Weg aus der Krankheit unterstützen. Aus diesem Grund habe ich eine Webseite www.hilfe-bulimie.ch geschaffen, auf der man die wichtigsten Prinzipien aus dem amerikanischen Buch „Brain over Binge“ als deutsche Zusammenfassung gratis herunterladen kann. Auf der Webseite sind außerdem hilfreiche Blogbeiträge zu finden.  

Nun aber zurück zum Thema. Die Realität ist, dass „normale Esser“ nicht etwas anderes tun. Es gibt keinen Trick, den sie anwenden, von dem du noch nie etwas gehört hast. Es gibt keine Art und Weise wie sie essen, von der du noch nicht weißt. Sie tun nicht etwas Bestimmtes.

„Normales essen“ ist nicht etwas, was eine Person tut.

Es ist wie eine Person denkt. „Normales essen“ ist auch nicht dadurch definiert wie oder was eine Person isst, sondern vielmehr wie sie sich dabei fühlt.

Wenn du dich gut dabei fühlst wie du isst, ist auch dein Essverhalten gut. Umgekehrt ist es so, wenn du dich nicht gut fühlst wie du isst, wird auch dein Essverhalten schlecht. Nicht an und für sich was du isst, sondern wie du dich dabei fühlst, macht den Unterschied!

Wenn du dich rund um dein Essverhalten beschuldigst – wenn du dich dafür entscheidest eine imaginäre Linie aufzustellen bis wo dein Essverhalten okay ist und ab wann nicht – dann wirst du zwangsläufig auch die Linie übertreten. Und wir wissen, wo das hinführt.

„Normale Esser“ haben keine Linie, die sie übertreten könnten. Wenn sie ein größeres Nachtessen haben, dann haben sie ein größeres Nachtessen. Keine große Sache. Wenn sie am Nachmittag drei Muffins essen ohne Grund, dann essen sie diese und machen mit ihrem Tagesprogramm weiter. Wenn sie in einem Zug eine Tüte Chips essen, essen sie diese und denken sich dabei: „Oh, ich brauche etwas zum Trinken“ und vergessen es wieder. Was sie essen, hat keinen Einfluss auf ihre Selbstachtung. Das ist der Unterschied zwischen „normalen Essern“ und „emotionalen Essern“. Es ist nicht das, was sie machen (essen), es ist wie sie sich dabei fühlen.

Dieses Umdenken ist ein Prozess und ich weiß aus eigener Erfahrung wie schwer dies ist. Wenn du noch etwas Unterstützung brauchst, zu lernen auf eine Art zu essen, die dich nicht emotional berührt, darfst du mir gerne eine Email schreiben an:
jasmin@hilfe-bulimie.ch

Jasmin
mein Blog: http://hilfe-bulimie.ch/

 

Noch mehr Hilfe?

Sende mir einfach eine Nachricht über das Kontaktformular, oder besuche meinen Onlinekurs “deine Kampfansage” !
Mein kostenloser Ratgeber steht dir jederzeit als Download zur Verfügung.
Gemeinsam machen wir dich stark!

Bis bald,

deine Dani von Recoverybuddy

 

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