Wie ich mit 30 endlich anfing zu Leben.

  • 19. November 2017

Ein Gastbeitrag der Bloggerin Anna Feuerbach (Seelenschluckauf.de)

Ich liebe das Leben!
Ich liebe MEIN Leben!

Jeden Morgen, wenn ich die Augen öffne, bin ich dankbar. Dankbar dafür, dass ich am Leben bin. Dankbar dafür, dass ein weiterer Tag vor mir liegt – ein weiterer Tag, der mir geschenkt wurde. Ein weiterer Tag, den ich FÜR MICH nutzen kann. Ein weiterer Tag, den ich nutzen kann, um glücklich zu sein, um zu lieben, zu lachen, zu LEBEN.
Das war  nicht immer so. Um genau zu sein, war die meiste Zeit meines Lebens die Nacht das Schönste am Tag. Die meiste Zeit meines Lebens wünschte ich mir jeden Morgen, der Tag wäre schon vorbei. Ich wünschte der Tag wäre schon überstanden und ich könnte einfach wieder schlafen gehen, schlafen und alles andere vergessen, so tun, als wäre die Welt da draußen gar nicht da.

Bis ich irgendwann nicht einmal mehr schlafen konnte…

Objektiv gesehen führte ich immer ein Leben wie aus dem Bilderbuch:
Intakte Familie, Kindheit auf dem Land, viel Natur, Dorfidyll. Bilderbuch-Schulzeit: Grundschule, Gymnasium, Abitur mit 1,0. Bilderbuch-Beziehung: ab 16 fester Freund, ab 18 gemeinsame Wohnung, die große Liebe.
Nach der Schule Biologie-Studium – wieder Bilderbuch, inklusive Auslandsaufenthalt und Bestnoten.
Die erste Beziehung ging in die Brüche, nur 4 Monate später war ich wieder vergeben. Eine Promotion in molekularer Biotechnologie sollte den Lebenslauf schließlich perfekt machen, mich perfekt vorbereiten auf die große Karriere, den großen beruflichen Erfolg, nach dem ich strebte, den mir jeder prophezeite: Unternehmensberatung, Managementkarriere, Spitzenforschung, Professur.
Das Leben schien perfekt.

In mir jedoch das komplette Gegenteil.

Selbstzweifel, Unsicherheit und Angst waren von frühester Kindheit an meine permanenten Begleiter. Neue Situationen machten mir Angst, unbekannte Menschen machten mir Angst, die ganze Welt machte mir Angst, das Leben machte mir Angst. Meine Strategien gegen diese permanente Angst?
Kontrolle, Vermeidung, Perfektion.
Die Folgen waren: das harte Los einer Schulstreberin, kaum echte Freundschaften, kaum echte Hobbies, kaum Partys, kaum Spaß. Mein Leben war ausgefüllt von Leistung, ausgefüllt vom Streben danach, die Beste zu sein, vom Streben danach, etwas wert zu sein, liebenswert zu sein, gemocht zu werden. Doch egal wie viel ich leistete, dieses so sehnlichst erhoffte Gefühl stellte sich nicht ein – und ich reagierte mit noch mehr Leistung, maximaler Anpassung, maximaler Perfektion.
Bis ich schließlich an meinen eigenen unsinnig und unmenschlich hohen Ansprüchen scheiterte…

Kurz vor dem Abitur wurde meine Welt immer düsterer, immer farbloser, immer grauer. Ich bekam irrationale Ängste vor Klausuren, war wie blockiert, immer häufiger krank. Als ich keinen Ausweg mehr sah, begann meinem Leben in Gedanken ein Ende zu setzen, wandte ich mich an meine Eltern. Die Prüfungen überstand ich schließlich mithilfe von Antidepressiva.
Eine tiefenpsychologische Therapie half mir in den folgenden Jahren die Depression weitgehend zu überwinden. Es ging mir gut – so glaubte ich zumindest.
Doch die Probleme kamen wieder, sie änderten lediglich ihr Erscheinungsbild. Die Grundursache war nicht behoben, die Verletzungen meiner Seele nicht geheilt. Und ohne dass ich es merkte, traten sie langsam, ganz langsam wieder an die Oberfläche.
10 Jahre nach Beginn der ersten Therapie, bereits mitten in der Promotion, suchte ich erneut psychologische Hilfe. Es ging mir schlecht, genauer konnte ich es nicht benennen.
Doch Eines hatte ich auf meinem Weg aus der Depression gelernt:
Irgendwie geht es immer weiter. Egal wie schlecht es Dir geht,

es gibt immer einen Weg, Du musst ihn nur finden – und für diese Suche kannst Du Dir Hilfe holen.

Fast ein Jahr dauerte meine Suche nach einem freien Therapieplatz. Nach einigen Sitzungen hieß die Diagnose dann plötzlich atypische Anorexie. Eine „absichtlich durch Nahrungsrestriktion und Ausdauersport herbeigeführte Gewichtsreduktion ohne sonst typische Körperschemastörung“.

Warum meine Seele gerade diese Art gewählt hat, um ihr anhaltendes Leiden deutlich zu machen?
Das hat wohl viele Gründe. Ein Gedanke spielte dabei mit Sicherheit eine nicht unerhebliche Rolle. Ein Gedanke, der mich in meiner Zeit der Depression ständig begleitete.
Der Gedanke: „Es geht mir so unglaublich schlecht, in mir liegt alles in Trümmern – wie kann es sein, dass es meinem Körper gut geht? Wie kann es sein, dass man mein Leid nicht sieht?“

Die Essstörung war mein Weg, mein Leid sichtbar zu machen.

Denn der Gewichtsverlust war irgendwann unübersehbar…

Es folgte eine nicht sehr erfolgreiche ambulante Verhaltenstherapie sowie ein fünfwöchiger Klinikaufenthalt, der alles nur noch schlimmer machte. So fand ich mich nach meiner Entlassung letztlich am Tiefpunkt meines Lebens wieder. Gescheitert an den eigenen Ansprüchen, gescheitert an den Ansprüchen der Klinikärzte, an den Ansprüchen der Gesellschaft, innerlich abgestempelt als psychisch krank, zu keinen sinnvollen Entscheidungen in der Lage, der Körper durch eigenes Verschulden dauerhaft geschädigt, zu blöd ein so privilegiertes Leben zu führen, wie es mir bevorstand, selbst zu blöd, um einfach normal zu essen.

Ich war psychisch ganz unten, doch irgendetwas in mir war nicht bereit aufzugeben. Irgendetwas in mir blieb auf der Suche nach dem rettenden Strohhalm. Irgendetwas in mir gab die Hoffnung nicht auf, dass alles gut werden wird.
Und dieser Teil von mir sollte Recht behalten…

Ich zog nach Nürnberg und bekam dort die Unterstützung des tollsten Partners, den ich mir vorstellen kann. Ich fand eine wunderbare Therapeutin, eine wunderbare Selbsthilfegruppe, sowie endlich eine kompetente und einfühlsame Hausärztin. All diese wundervolle Unterstützung gab mir wieder den Mut und die Kraft selbst nach Lösungen zu suchen. Ich begann mich mit Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen, fing an Bücher zu lesen, Podcasts zu hören, Seminare zu besuchen, mich mit anderen Menschen auszutauschen.
Eines Tages begriff ich im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht plötzlich, dass dieses Leben MEIN Leben war. Ich begriff, dass alles was passierte in meiner Hand lag, dass ich endlich die Verantwortung übernehmen musste!
Ich konnte mich zu Tode hungern, aber genauso gut konnte ich auch aufstehen und für mich losgehen. Ich konnte aufstehen und zum ersten Mal in meinem Leben herausfinden, wer ICH wirklich bin, was MICH, Anna, ausmacht, was ich kann, was ich mag, was ich WILL. Ich wachte eines morgens auf und wusste, dass ich mein gesamtes Leben neu erfinden musste, meine Vergangenheit in die Schublade legen und noch einmal ganz von vorne beginnen.

Einige Monate später ging mein Blog „Seelenschluckauf“ online, auf dem ich seitdem von meinen Erfahrungen, meinen Gedanken und Gefühlen berichte. Ich begann mich bei dick&dünn eV in Nürnberg zu engagieren, wirkte beim Präventionsprojekt „Klang meines Körpers“ mit.

Ich öffnete mich dem Leben,

bereit sämtliche Impulse dankbar anzunehmen.
Und tatsächlich: In dem Moment als ich die Tür zu meinem alten Leben schloss, öffneten sich nach und nach viele neue Türen – und tun es auch jetzt noch.

Inzwischen bin ich neben meinem Diplom in Biologie ganzheitliche Ernährungsberaterin, Dozentin und Seminargruppenleiterin für autogenes Training. Ich leite eine Selbsthilfegruppe und gehe mit einem Präventionsprojekt für psychische Erkrankungen in Schulen. Als freie Mitarbeiterin des Düsseldorfer Vereins Lebenshunger eV betreue ich zusammen mit einer Musiktherapeutin das Blogprojekt „Bauchgrammophon“, weitere tolle Projekte sind in Planung.

Langsam fügt sich mein neues Leben Steinchen für Steinchen zusammen. Langsam beginne ich mein wahres Ich, meine wahren Vorlieben und Fähigkeiten zu entfalten. Ich erfinde mich neu und ich liebe es, ich liebe es jeden einzelnen Tag –das Leben ist wieder lebenswert. Nein mehr noch, es ist so lebenswert wie niemals zuvor!
Der Weg aus der Essstörung war für mich viel mehr als nur „recovery“, viel mehr als nur „Genesung“ und „Wiederherstellung“. Der Weg aus der Essstörung war für mich der Start in ein neues, ein besseres Leben.

Mein Traum für die Zukunft?

Ich möchte andere Betroffene mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen auf ihrem Weg aus der Krankheit zu unterstützen. Ich möchte ihnen sagen: Es gibt immer einen Weg. Egal wie verzweifelt Dir die Lage erscheint, es gibt immer einen Weg glücklich zu werden. Auch für Dich.
Dabei gibt es jedoch nicht DEN EINEN Weg.
Mir hat die Klinik nicht geholfen, unzählbar vielen anderen rettet sie das Leben. Verhaltenstherapie hat meine Symptomatik verschlimmert, Tiefenpsychologie vieles in Gang gebracht. Die Hilfsangebote sind zum Glück sehr vielfältig. So kann jeder das finden, was ihm ganz individuell hilft.

Gleichzeitig liegen mir die Aufklärung der Öffentlichkeit über Essstörungen sowie die Prävention psychischer Krankheiten bei Jugendlichen sehr am Herzen.
Menschen mit psychischen Problemen sind keine Menschen zweiter Klasse! Eine Essstörung ist genau wie eine Depression oder eine Suchterkrankung lediglich eine Strategie der Seele, das eigene Überleben in schwierigen Situationen zu sichern. Deshalb ist ein Schluckauf der Seele nichts, wofür man sich schämen muss! Jeder Mensch kann in eine solch schwierige Situation kommen. Aber man kann versuchen sich zu schützen, versuchen liebevoll auf sich selbst zu achten, versuchen das Leben nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen auszurichten, nicht nach den Ansprüchen des Umfelds, nach den Ansprüchen der Gesellschaft.

Ich habe eine Zeitlang gebraucht, das zu lernen, habe die psychischen Probleme, die Zeichen meiner Seele gebraucht, das zu begreifen. Doch das ist okay. Mein Seelenschluckauf gehört zu mir wie mein Lachen, wie meine Stubsnase und die blonden Haare. Er hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.
Und dafür bin ich unendlich dankbar – jeden Morgen auf‘s Neue…

Anna Feuerbach

Links:

www.seelenschluckauf.de
www.bauchgrammophon.de

Noch mehr Hilfe?

Sende mir einfach eine Nachricht über das Kontaktformular, oder besuche meinen Onlinekurs “deine Kampfansage” !
Mein kostenloser Ratgeber steht dir jederzeit als Download zur Verfügung.
Gemeinsam machen wir dich stark!

Bis bald,

deine Dani von Recoverybuddy

Leave a Reply

Your email address will not be published. Fields marked with * are required

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen